Oldtimerkarosserien Neuaufbau süß-sauer

öffentliches Forum für IG-Mitglieder und Nicht-IG-Mitglieder

Moderator: Mod-Team

Antworten
Benutzeravatar
Beda
Newbie
Beiträge: 192
Registriert: Do 10. Sep 2015, 16:48
Wohnort: Langenlonsheim
Kontaktdaten:

Oldtimerkarosserien Neuaufbau süß-sauer

Beitrag von Beda »

Hallo zusammen,
etwas spannendes:

Bild
PDF erstellt für werkstatt@alleautos.org am 04.09.2026

Oldtimerkarosserien
Neuaufbau süß-sauer

04.09.2026 · Von Steffen Dominsky · 9 min Lesedauer ·
Die Karosse malade, neue Bleche nicht lieferbar, oder das Einschweißen zu
aufwendig? Nehmen Sie doch einfach eine neue! Wie, die hat’s beim Hersteller
schon lange nicht mehr? Na dann schauen Sie doch mal im Reich der Mitte vorbei.
Hier gibt’s neue Oldtimerkarosserien frisch vom Band.


Bild
Das Unternehmen Jiangsu Juncheng Vehicle Industry Co. in China fertigt aktuell die Karosserien 20 populärer
Oldtimer nach.
(Bild: Jiangsu Juncheng Vehicle Industry Co.)

Tuī chén chū xīn“ lautet ein chinesisches Sprichwort: „Das Alte verdrängen und das Neue
hervorbringen“. Oder wie wir im Deutschen sagen würden: „Neues aus Altem schaffen“. Genau
das trifft den Nagel auf den Kopf, oder besser gesagt, die Schweißverbindung auf die Raupe.
961 Millionen Tonnen Stahl hat China im vergangenen Jahr produziert – mehr als die Hälfte
der gesamten Weltproduktion! Gut 21 Prozent davon stammt aus dem Recycling. Mit anderen
Worten aus Stahl, der schon mal irgendetwas war. Beispielsweise ein Auto. So gesehen huldigt
ein Unternehmen aus der Provinz Jiangsu, an der Ostküste Chinas dem christlichen Prinzip
„Asche zu Asche, Staub zu Staub“: Es macht aus teilweise altem Fahrzeugblech neues
Fahrzeugblech. Jiangsu Juncheng Vehicle Industry Co. Ltd. heißt – kurz Jungcheng. Seit 2012
fertigt es bzw. seine rund 650 Mitarbeiter auf einem 120 Hektar großen Areal Kfz-Blechteile
für den Aftermarket.
Angefangen hat alles mit Türen für „normale“ Fahrzeuge. Dann, wie oft im Fall China, ging
alles ziemlich schnell – nicht von ungefähr spricht man mittlerweile von der „China Speed“,
der China-Geschwindigkeit. So wuchsen Jungchengs Produktionskapazitäten und auch das
Angebot. Zu Blechteilen für Alltagsautos aus China, Europa, Asien, den USA und dem Rest der
Welt – selbst für einen Lada Vesta presst man in Jiangsu Bleche – gesellten sich „Body-Kits“ für
Off-Road-Fahrzeuge. In wenigen Jahren wuchs aber nicht nur das Portfolio, sondern auch
Jungchengs Expertise. Denn für (fast) kein Blechteil, das das Unternehmen herstellt, verfügt es
über originale Pressformen. D. h., die Chinesen mussten sich das Know-how zum Anfertigen
solcher im Reverse-Engineering-Verfahren aneignen – Stichwort 3D-Scannen. Das taten sie
mit Unterstützung mehrerer Universitäten, mit denen der Karosseriespezialist kooperiert.
Und Jungcheng musste Produktionsverfahren entwickeln, die den zu fertigenden Stückzahlen,
vor allem aber der immensen Produktvielfalt gerecht werden. So machen z. B. 20
Laserschneidroboter von ABB das, was in bei Karosseriezulieferern bzw. OEMs klassische
Pressen mittels Stanzen erledigen: Ausschnitte in Blechteile. Nicht so schnell, dafür bezahlbar
und extrem flexibel einsetzbar.


BILDERGALERIE


Und dann die Idee mit den Oldtimern
Und so wie die Expertise wuchs, so wuchs auch der Wunsch von Jungchengs Geschäftsführer
Guo Buhua (oder der Partei?) nach weiteren Geschäftsfeldern bzw. Bereichen desselben. Diese
fand man in Form von Karosserieteilen für etwas, was in China nahezu unbekannt ist:
Oldtimer. Los ging’s mit Blechen für Land Rovers Defender 90. Es folgten solche für Toyotas
Landcruiser Typ (F)J40 sowie den Ford Bronco. Irgendwann wurde die Zahl der pro Fahrzeug
nachgefertigten Bleche so groß, dass Mister Buhua das Undenkbare dachte: Wann man noch
„ein paar“ Bleche mehr für dieses Modell fertigen würde, dann …
Genau: Dann könnte Jungcheg glatt komplette Karosserien anbieten. „Gesagt, getan!“, wie man
hierzulande sagt – und offenbar auch in China. Und so installierte Mister Buhua bereits 2018
die „Special Vehicle Body Engineering Division“. Die Aufgabe der „Entwicklungsabteilung für
Spezialfahrzeugkarosserien“ war, das Undenkbare möglich zu machen. Denn eines ist klar:
Einzelne Bleche zu produzieren, die ein Karosseriefachmann erstens nacharbeitet, bevor er
sie zweitens in eine maßhaltige OE-Karosserie einschweißt, ist eine Sache. Einen ganzen
Haufen mit Toleranzen versehene Aftermarket-Bleche ohne Roboter von ungelernten
Schweißern per Hand zu einer Karosserie zusammenzubraten, in die dann nicht bearbeitbare
Teile wie Scheiben, Leuchten und allen voran Fahrwerkskomponenten passen sollen – nein,
müssen –, ist eine andere.
Das erste, außerhalb Chinas sichtbare Ergebnis seiner Entwicklungsabteilung präsentierte
Jungcheng 2022 auf der SEMA in den USA, einer der weltgrößten Messen für Tuning und
Ersatzteile. Hier stellten das Unternehmen die Karosserie eines Toyota Land Cruiser FJ40 aus.
Dieser folgten eine solche für den Defender, den Ford Bronco, den Austin Mini, den Ford
Mustang und den Datsun Z240. Mehr als 20 historische Modelle listet der hauseigene Klassik-
Katalog bzw. die entsprechende Homepage (www.carbody.com) inzwischen auf, für die man
eine neue Karosserie kaufen kann. Beziehen kann man eine solche über besagte Seite oder
den eigenen Alibaba-Shop.
Und die Preise? Achtung, jetzt festhalten! Los geht’s bei 4.300 Euro für einen „Mini“ und endet
beim Doppelten für einen 67er-Mustang. Für bescheidene 7.000 Euro gibt’s ein 911er-G-
Modell von Porsche (Mindestabnahme jeweils 10 Stück). Einen Defender 110 bekommen Sie
hingegen ab Stückzahl 1 zum selben Preis. Ach so: Alle Preise gelten für einen komplette
Rohkarosse, also inklusive aller Anbauteile! Nicht inklusive ist die Fracht, für die aus der
Volks- in die Bundesrepublik rund 1.000 Euro fällig werden – pro Karosse versteht sich. Da
wird der Michel hellhörig!

Einfach nur komplettieren und
losfahren

„Unsere Kunden kaufen nicht einfach ein
Transportmittel, sie kaufen ein Kunstwerk
und eine emotionale Verbindung“, sprach
der Jungcheng-Firmenchef, der
Lokalzeitung Yangzhou Ribao im Oktober
2025 stolz ins Mikrofon. Und, ganz im Sinne
der Problemlösung für viele Restauratoren,
titelte das chinesische Fachmedium
CLAuto „Einfach Mechanik, Scheiben,
Elektrik sowie ein Interieur ergänzen, und
es kann losgehen“. Doch bevor ich Ihnen die
Frage beantworte, ob dem so ist, ob bei
solch einer Replik-Karosserie Plug-and-
Play wirklich funktioniert, gilt es eine noch
wichtigere Frage zu beantworten. Genau:
die Frage „Darf man das?“ Also darf man
sich irgendwo in China eine neue und FIN-
lose Rohkarosse kaufen und in die eine vorhandene Fahrgestellnummer einschlagen bzw. den
Streifen Blech mit dieser einschweißen?
„Grundsätzlich eröffnet § 59 II. Satz 3 der StVZO die Möglichkeit, auch den das Fahrzeug
identifizierenden Teil der Karosse auszutauschen und die FIN dort wieder einzuschlagen“,
erklärt Dr. Götz Knoop, Fachanwalt Verkehrsrecht und Spezialist im Oldtimerrecht. „Doch die
alte FIN aus einer Karosserie herauszutrennen und in eine neue einzuschweißen, ist
hochgradig illegal“, stellt Carsten Bräuer, Dekra-Oldtimer-Experte, unmissverständlich klar.
Verwendet man eine neue Karosserie – egal von wem –, sollten man dies der Zulassungsstelle
unbedingt kundtun. „Diese sagt Ihnen, ob Sie wieder die originale FIN einschlagen dürfen und
nachweisen müssen, dass die alte Karosserie verschrottet wurde. Oder sie sagt: ‚Gehen Sie
damit zur Technischen Prüfstelle‘, und diese bekommt von der Behörde eine sogenannte
Schlaganweisung, um eine neue FIN zu vergeben. Wichtig ist, auszuschließen, dass plötzlich
zwei Fahrzeuge mit einer Identität existieren“, stellt Carsten Bräuer klar. Und Anwalt Knoop
ergänzt: „Gerade auch mit Blick auf die H-Kennzeichen-Richtlinie wird es problematisch,
wenn die Identität nicht eindeutig geklärt ist. Dies ist der Fall, wenn die Verwendung der
Ersatzkarosserie und das Umschlagen der Fahrgestellnummer keinen Niederschlag in den
Fahrzeugpapieren gefunden hat.“

Gewerbliche Anbieter aufgepasst!
Wer nun als Handwerks-/Handelsbetrieb denkt: „Wenn das alles ist, wo kann ich bestellen?“,
Achtung, aufgepasst, großes Risiko! „Markenrechtlich entstehen für den, der z. B. gewerblich
ein Fahrzeug unter Verwendung einer Ersatzkarosserie restauriert oder anbietet, erhebliche
Probleme“, mahnt Götz Knoop. Zwar beruht das Markenrecht des Automobilherstellers auf
dem sogenannten Erschöpfungsgrundsatz, der aussagt, dass ein Produkt, welches unter der
Marke des Herstellers ausgeliefert wurde, auch im weiteren Fortgang von Gewerbetreibenden
als Modell dieser Marke betitelt und beworben werden darf. „Doch dieser
Erschöpfungsgrundsatz wird dann durchbrochen, wenn eine erhebliche Veränderung des
Produktes nach Inverkehrbringung vorliegt“, erklärt Knoop. Mit anderen Worten: Wer einen
Mustang mit einer neuen Karosserie aufbaut, Mustang- und Ford-Logos anbringt und ihn als
Ford Mustang anbietet, macht sich grundsätzlich strafbar.
„Eine Lösung bestünde hier analog dem ‚Tech-Art Urteil‘, dass man die ursprüngliche Marke
mit einem Namenszusatz versieht und so kenntlich macht, dass das Fahrzeug mit einer
Ersatzkarosse neu aufgebaut wurde“, gibt Anwalt Knoop als Tipp gerade in Richtung
Händlerschaft bzw. Fahrzeughalter. Auch letzterer sollte im Verkaufsfall Interessenten über
den Austausch der Karosse und somit über den Verlust originaler Blechsubstanz aufklären.
Anderenfalls droht Ärger seitens des Markeninhabers in Form von Unterlassung,
Schadenersatz und gegebenenfalls Vernichtung des Fahrzeuges. Die Markenverletzung stellt
außerdem eine Straftat dar. Im Falle der Veräußerung droht Ärger ebenfalls Strafbarkeit in
Form des Betruges mit dem Käufer, wenn dieser nicht aufgeklärt wurde. Das gilt allen voran
dann, wenn jemand eine „ruhende Identität“ eines Fahrzeugs mittels altem Brief und einer
neuen Karosse wiederbeleben möchte.

Geht da überhaupt ein H-Kennzeichen?
Doch nicht nur das Thema Identität wirft Fragen auf. Auch das der „Stabilität“. Heißt: Gibt es
nicht auch Anforderungen, die eine nachgemachte Karosse hinsichtlich ihrer Beschaffenheit
erfüllen muss? „Grundsätzlich muss das Fahrzeug immer die Bau- und Betriebsvorschriften
erfüllen, die zum Zeitpunkt der erstmaligen Inbetriebsetzung galten. Bei Oldtimern ist z.B. die
Stahlzusammensetzung eher kein Thema. Bei moderneren Fahrzeugen spielt diese sehr wohl
eine Rolle, um im Falle eines Unfalls die Crashnormen zu erfüllen“, erklärt Dekra-Mann
Bräuer. Wobei sich die Frage stellt: „Kann
ein Sachverständiger/Prüfer überhaupt
feststellen, ob es sich um eine neu
gefertigte Tauschkarosserie handelt?
„Stünde diese roh vor mir, wäre dies relativ
einfach festzustellen. Doch verzinnt,
verspachtelt, nahtabgedichtet und lackiert
wäre es deutlich schwieriger“, gesteht
Bräuer. Oder anderes ausgedrückt: Im
Rahmen einer HU oder eines Oldtimer-/H-
Kennzeichen-Gutachtens lautet die
Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit
„Nein!“
Apropos H-Kennzeichen: Kann ein mittels neuer Karosserie aufgebautes Fahrzeug ein solches
überhaupt erhalten? Wenn man eine originale, vom Hersteller verkaufte Karosserie
verwendet, wäre das Fahrzeug auf jeden Fall noch als historisch anerkennenswert, ist Carsten
Breuer der Ansicht. Bein einer nachgefertigten wird’s schwierig. Weichen Blechstärken,
Anzahl der Schweißpunkte, Formgebung, Sicken, Rundungen ab, ist sie umso weniger als
historisch einzustufen. Aber welcher Prüfer kann das so genau feststellen?
Und, nebenbei: Gibt es überhaupt ein Maß dafür, wie viele Teile einer Karosserie man mit OE-
oder mit reproduzierten Blechen ersetzen darf, damit sie noch als „original“ durchgeht?
„Nein!“, sagen sowohl Carsten Bräuer als auch Götz Knoop. Denn streng genommen ist jedes
Fahrzeug mit dem Verlassen des Werks bzw. wohl spätestens aber der ersten Inspektion, dem
ersten Reifen- und Bremsbelagwechsel nicht mehr original. „Natürlich könnte man sagen,
wenn an dem Fahrzeug irgendwann nichts mehr original ist, weder das Material noch die
Herstellungsweise, dann ist es formal ein Klon. Dabei spielt es aber eine Rolle, ob es sich um
originale Teile von damals, also NOS („New Old Stock“) handelt, oder ob sie nachproduziert
sind“, argumentiert Bräuer. Mit anderen Worten: Wer eine nachgefertigte Karosse verwendet,
die nicht vom OE-Hersteller stammt, entfernt sich ziemlich weit von „Original“.

Thema Passform
Abgesehen von so viel Deutsch-Juristischem, stellt sich die Frage: „Was taugt solch eine
Karosserie „Made in China“ nun? Zugegeben: Diese Frage kann ich Ihnen im Hier und Jetzt
nicht wirklich beantworten – ich habe noch keine in Echt gesehen. Und selbst das wäre nur die
eine Seite die Medaille. Die andere? Das wäre die Passform und -Genauigkeit. Und gibt es
offenbar noch reichlich Luft nach oben. Bislang haben es einige wenige Jungcheng-Karossen
in die USA geschafft, wo das Unternehmen zudem eine Niederlassung unterhält. Öffentlich
dokumentierte Aussagen zu diesen Importen gibt es nur sehr spärlich, wobei man zwei „Fälle“
auf Youtube findet (siehe Tipp-Kasten S.13). Beim einen geht es um eine weiß lackierte Karosse
eines Toyota Corolla A86, bei der es sich um ein „Vorserienexemplar“ handeln soll.
Sehr ausführlich hat Gregory Ward von Greg’s Restorations in Rutland, Massachusetts, USA,
die Qualität einer Toyota-FJ40-Karosserie von Jungcheng dokumentiert. Sein Resümee: „Es
scheint, als sei jedes Teil dieser Karosserie ein kleines bisschen schief“. Und: „Fast kein Teil
passte wirklich.“ Angefangen von den Halterungen, mit denen die Karosse am Rahmen
verschraubt wird, die mehrere Zentimeter daneben waren, bis hin zum Beifahrertürschacht,
der zu schmal geriert –Scheibeneinbau ausgeschlossen! Rund 300 Stunden musste Greg
seine Karosse nacharbeiten. So geriet die süße Verlockung einer neuen, rostfreien und zudem
günstigen neuen Oldtimerkarosserie zur ziemlich sauren Erfahrung – schade.
(ID:50932073)
https://www.kfz-betrieb.vogel.de/neuauf ... 8E69CCD806
Antworten